Kurzer Führer durch die Hippolytkirche
Die Hippolytkirche in Dettingen war über viele Jahrhunderte Ziel von Wallfahrten. Nur so ist es zu erklären, dass sich in einem kleinen Dorf – 1616 gab es 24 Herdstätten, vorher kaum mehr – eine solch prächtige Kirche befindet.
Bauform
Dem Grundriss nach ist die Kirche seit etwa 500 Jahren unverändert. Unter dem Mainzer Kurerzbischof Dietrich von Erbach (1434–1459) wurde ein bestehender Vorgängerbau weitgehend neu errichtet. Die Jahreszahl 1445 in der südlichen Chornische markiert vermutlich die Fertigstellung von Chor, Langhaus und Turm. In dieser Zeit entstanden auch die feinen Steinmetzarbeiten an den Fensterlaibungen im Altarraum, vor allem aber am Sakramentshaus und dem Zelebrantensitz.
Eine Generation später, unter Fürstbischof Diether von Isenburg (1459–61, 1475–82) wurden ein Treppentürmchen am Turm und das Seitenschiff im Norden ergänzt. Das dortige östliche Netzgewölbe ziert sein Wappen als Schlussstein, das Rippengewölbe im westlichen Joch wurde etwas später eingezogen. Hauptschiff, Seitenschiff und Chor hatten zu dieser Zeit jeweils separate Eingänge. Der Zugang zum Hauptschiff besaß eine Vorhalle, lag im Süden und ist am Außenbau noch heute gut zu erkennen. Ebenso der westliche Zugang zum Seitenschiff.
Erst 1762 erhielt die Kirche ein Westportal im Erdgeschoss des Turms (auf dem Türsturz datiert), woraufhin die beiden anderen Zugänge zum Langhaus vermauert wurden.
Bereits 1659 erhielt die Kirche eine Empore und wohl bald darauf auch eine Orgel. Beide wurden 1950 abgebrochen.
1776 wurde der Chorbogen entfernt, Langhaus und Chor schließen seither ohne nennenswerten Versprung aneinander an. Auch das Höhenniveau der Bauteile wurde angeglichen, das einst flachgedeckte Langhaus wurde „um 8 Schuh“ erhöht und die Fenster vergrößert.
So wie sich die Hippolytkirche heute zeigt, ist sie das Ergebnis einer etwa 250 jährigen Bautätigkeit. Dennoch ist der Wallfahrtsort weit älter. Bereits 1340 gibt es eine erste urkundliche Erwähnung einer Kirche in Dettingen. Archäologische Untersuchungen förderten 1969 mittelalterliche Mauerreste zu Tage. Silbermünzen, die zeitgleich im Sakristeifußboden gefunden wurden, datieren zwischen 1340 und 1655 und stammen aus dem fast gesamten deutschsprachigen Raum, unter anderem aus Tirol, Luzern und Chur, aus Erfurt, Braunschweig und den Niederlanden. C-14-Untersuchungen von Gerüsthölzern, die 2008 durchgeführt wurden, verweisen mit hoher Wahrscheinlichkeit in die Zeit zwischen 1162 und 1253.
Wallfahrt
Ein Indiz für ein noch höheres Alter der Kirche ist das Hippolyt-Patronat. Im Jahr 754 überführte Abt Fuldrad von St. Denis Reliquien des hl. Hippolyt von Rom ins Frankenreich. Im Rahmen karolingischer Reichskirchenpolitik gelangten Reliquien ins Elsass, den alemannischen Raum, Passau und St. Pölten. Wie eine Reliquie nach Dettingen kam, ist ungewiss, ebenso ob es sich dabei um das seit 2016 hinter dem Altar verwahrte und in einem Reliquiar der Hanauer Bernwardswerkstätten von 1890 gefasste Knochenstück handelt.
Die Gründungslegende der Kirche verweist ebenfalls in die karolingische Epoche und enthält vermutlich durchaus einen historischen Kern. Karl der Große (747–814) soll die Kirche als Dank für die Heilung eines Gefolgsmannes von einem Fußleiden erbaut haben. Karl sei häufig vom Kloster Seligenstadt per Schiff über den Main gekommen. An einem markanten Grenzstein, dem „lapis Caroli“ (Karlstein), ging er an Land und brach zur Jagd in den Spessart auf. Seit 1975 erinnert der Name der Fusionsgemeinde Karlstein und seit 2010 eine moderne Interpretation des Aachener Karlsthrons vor der Kirche an diese Zusammenhänge.
Jedenfalls lässt sich in Dettingen eine jahrhundertelange Wallfahrtstradition nachweisen. Wie fast überall geriet sie nach dem 30-jährigen Krieg ins Stocken, doch bereits 1660 schildert der Jesuitenpater Gamans ausführlich die Ausstattung der Kirche und das Geschehen am Wallfahrtstag. Regelmäßig stellte der Papst Ablassbriefe aus, letztmals 1779, und noch aus der Mitte des 19. Jahrhunderts berichtet ein Chronist von Verkaufsständen rund um die Kirche an Wallfahrtstagen.
Ausstattung
Namentlich im Chor finden sich Schätze spätgotischer Steinmetzkunst, deren Stilmerkmale auf Nachfolge des Frankfurter Werkmeisters Madern Gerthener (ca.1365–1430) verweisen. Spätmittelalterliche Steinmetzzeichen – vergleichbar mit denen in Mainz und Straßburg – finden sich an den Chorrippen (in ca. 230–260 cm Höhe) und am Seitenschiffpfeiler. Die erzbischöflichen Bauherren schickten erstklassige Handwerker nach Dettingen.
Sakramentshaus
An der Nordwand des Chores befindet sich das Sakramentshaus. Auf polygonaler Halbsäule ruht der vergitterte Tabernakel zur Aufbewahrung des Leibes Christi in der Gestalt des Brotes. Flankiert wird die von einem plastisch hervortretenden Maßwerkbaldachin überwölbte Sakramentsnische von vier Engelsgestalten, die die Arma Christi vorweisen, also die Marterwerkzeuge Jesu: Zu erkennen sind Nägel, Geißelsäule, Kreuz mit Dornenkrone, Palmwedel, Lanze und Geißel. Darüber ist eine spätmittelalterliche Herz-Jesu-Darstellung herausgearbeitet: Der dornengekrönte Leidensheiland zeigt seine Seitenwunde. Bekrönt wird die Anlage von einem pyramidenförmigen Helm mit Krabbenbesatz und abschließender Kreuzblume.
Zelebrantensitz
Die südliche Chorwand wird durch einen kleinen Anbau mit zwei unterschiedlichen lichtspendenden Oculi erweitert. Zwei Rundbögen mit reichem Maßwerk öffnen den kleinen Raum zum Chor hin. Der mittlere Schlussstein ist hängend und in der Art einer Kreuzblume gestaltet. In den Zwickeln sitzen kleine Prophetenfiguren im Dreiviertelrelief, deren Spruchbänder heute leider nicht mehr lesbar sind.
Das Gewölbe bildet im Mittelteil eine Raute mit einem T-förmigen Kreuz, an dem eine bärtige und mit Tunika und Kappe bekleidete Gestalt mit Stricken angebunden ist. Wie der Vergleich mit den etwa zeitgleich entstandenen Fresken der Hippolytsmarter auf Glaiten in Südtirol und weiteren Darstellungen beweist, handelt es sich um eine Darstellung des hl. Hippolyt. Auch der Jesuit Gamans identifiziert diese Darstellung im 17. Jh. als eine des Dettinger Kirchenpatrons. Als „Dettinger Kreuz“ ist sie ins Wappen der Gemeinde eingegangen.
Weitere Hippolyt-Darstellungen
1472 wurde der Chor komplett ausgemalt. Erhalten sind heute nur noch die Darstellungen der hl. Katharina – erkennbar am Rad als ihrem Attribut – und eines Bischofs im Gewände des mittleren Altarfensters. Auch bei der namenlosen Bischofsdarstellung könnte es sich um den hl. Hippolyt handeln. Immer wieder wurde er als (Gegen-)Bischof von Rom abgebildet.
Im Seitenschiff ist eine Büste des Heiligen angebracht. Sie zeigt Hippolyt in Sklavenketten, die er als Verbannter in den Bergwerken Sardiniens trug.
Das Ölgemälde von Johann Conrad Bechtold aus Aschaffenburg (1698–1786) verweist dagegen auf die sogenannte Offizierslegende, die sich kunstvoll um Hippolyt rankt und ihn vermeintlich als gänzlich andere Person zeigt. Auch eine Prozessionsfigur bezieht sich auf diese spätantike Legendenbildung.
Näheres zu verschiedenen Hippolyt-Legenden und -Darstellungsweisen finden Sie hier.
Weitere Ausstattung
Der Jesuit Gamas berichtet 1660 ferner von einem barocken Altarziborium aus vier gedrehten Säulen, die durch Eisenstangen verbunden waren, an denen Gaben der Wallfahrer herabhingen. Reste der Säulen sind noch in der Kirche und im Depot des Heimatmuseums erhalten.
Das barocke Marienbild fertigte ebenfalls der Aschaffenburger Maler Johann Conrad Bechold.
Mehrere Grabdenkmäler vor allem für Dettinger Posthalter sind in und um die Kirche aufgestellt. Hervorzuheben ist die Schriftplatte mit einer von einem Engel gehaltenen Stoffdraperie für Andreas Wissner († 4. April 1714).
Im Turm hängt eine Eisenglocke von 1920. Das Schlagwerk wurde 1977 wieder in Stand gesetzt.
Zur Ausstattung der Kirche gehört auch ein Kelch aus dem Jahr 1764. Die Inschrift am Fuß lautet: „S: Emmeranum Altarista 1764 Ad Dei Gloriam Ecclesiae In Dettingen Calicem Hunc Legavit Ioannes Hepp Moguntiae Ad S: Petru(m) Vica(rius)“ Mit St. Peter ist das Aschaffenburger Stift Peter und Alexander gemeint, in dem Hepp Vikar war.
Seit der Generalsanierung von 2007–09 befindet sich auf dem Altar ein modernes Tryptichon von Markus Fräger (1959–2020), das Tod und Auferstehung Jesu thematisiert. Glücklicherweise blieb die Hippolytkirche in den 1920er Jahren von einer bereits projektierten Erweiterung verschont. Stattdessen entstand mit der neuen Pfarrkirche St. Peter und Paul 1923 die erste moderne Kirche Deutschlands mit einzigartiger expressionistischer Ausmalung. Nun ist auch in der Alten Dettinger Kirche zeitgenössische Kunst zu erleben.
Die Zelebration versus populum ist an diesem Altar nun leider nicht mehr möglich, obwohl die Hippolytkirche wohl zu den ersten Kirchen gehört, in der diese Zelebrationsrichtung zur Gemeinde hin bei Gruppenmessen bereits in den 1950 Jahren gepflegt wurde. Der seinerzeitige Pfarrer Edmund Roeser war mit Romano Guardini befreundet, einer der Zentralfiguren der Liturgischen Bewegung, deren Ideen erst durch das 2. Vatikanische Konzil 1965 eingeholt wurden.
Originalbeitrag von Michael Pfeifer
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