Eisernes Te Deum

Die Glocken von St. Peter und Paul in Dettingen

Im Turm der Dettinger Pfarrkirche St. Peter und Paul erklingen seit 1923 drei Eisenglocken im Te-Deum-Motiv. So bezeichnet man ein Geläute, dessen Disposition die Anfangstöne des lateinischen Gesangs „Te Deum laudamus“ abbildet. 1743, nach dem Sieg der Engländer in der sogenannten Schlacht bei Dettingen während des österreichischen Erbfolgekrieges, komponierte Georg Friedrich Händel – seinerzeit englischer Hofkomponist – die Festmusik für den Dankgottesdienst im Rahmen der Siegesfeierlichkeiten. Es entstanden mit dem Dettinger Te Deum und dem Dettinger Anthem Werke, die dem Ortsnamen heute noch Klang verleihen.[1] Heute nehmen die drei Glocken von St. Peter und Paul das Dettinger Te Deum in gewisser Weise wieder auf.

Der querrechteckige Turm dominiert die Fassade der Kirche, wird bekrönt von einer fialenartigen Turmspitze, die von einem dreieckigen Zinnenkranz umgeben ist. Unterhalb dieser ungewöhnlichen Bekrönung, im obersten Turmgeschoss, befindet sich das dreistimmige Geläute von St. Peter und Paul. Die Glocken zählen zur Erstausstattung der Dettinger Pfarrkirche – sie wurden 1922 von der Fa. Ulrich & Weule in Bockenem am Harz gegossen und bestehen aus Eisenhartguss.[2]

Kurzabriss über die Glocken von St. Hippolyt

Weshalb für den Neubau von St. Peter und Paul keine Bronzeglocken angeschafft wurden, lässt sich auf verschiedene Weise begründen: Hierfür lohnt sich zunächst ein Blick in die Glockengeschichte der alten Hippolytkirche in der Ortsmitte. 1882 wurden die beiden unbrauchbar gewordenen Barockglocken aus dem 17. Jh. durch Neugüsse von Phillip Heinrich Bach (II.) aus Windecken ersetzt.[3] Die größere der beiden Glocken (464 kg) musste im Ersten Weltkrieg zu Rüstungszwecken eingeschmolzen werden, die kleinere (235 kg) verblieb auf dem Turm.[4] Bald nach Kriegsende bemühte man sich um Ersatz für die verlorene Glocke. Erhalten haben sich zwei Vertragsentwürfe zur Lieferung einer neuen Bronzeglocke mit den Gebr. Klaus in Heidingsfeld (23.2.1919) und den Gebr. Ulrich, Apolda (17.11.1919). Beide kamen nicht zustande. Die Gebr. Ulrich hatten aber zugleich einen Vertrag für den Guss einer Eisenhartgussglocke in Kooperation mit der Fa. Ulrich & Weule übersandt. Da Bronze nach dem Krieg knappes Material war und die aufkommende Inflation die Finanzierung neuer Glocken erhebliche erschwerte, hatte man sich schließlich für den Guss der Eisenhartgussglocke entschieden. Am 6. Mai 1920 wurde die neugegossene Glocke in Apolda gewogen, gelangte also wenig später nach Dettingen und fand ihren Platz im Glockenstuhl von St. Hippolyt. Dort ist sie heute im Übrigen die einzige Glocke, musste die kleinere Glocke von 1882 doch im Zweiten Weltkrieg (28.3.1942) ebenfalls zu Rüstungszwecken eingeschmolzen werden.[5] Eisen galt im Gegensatz zur begehrten Glockenbronze nicht als kriegswichtiges Material, daher durfte die Glocke von 1920 im Turm verbleiben.

Die Anschaffung der Glocken für St. Peter und Paul

Der Exkurs zu St. Hippolyt verdeutlicht, weshalb in der Frage der neuen Glocken von St. Peter und Paul die Entscheidung für Ulrich & Weule sicherlich nicht schwer fiel. Die Aktenlage im Pfarrarchiv von St. Peter und Paul lässt keine Rückschlüsse auf weitere Vertragsentwürfe bzw. Briefwechsel von und mit anderen Firmen zu – man hatte schließlich in St. Hippolyt bereits Erfahrungen mit der Gießerei gemacht. Auf dem Höhepunkt der Inflation sprachen jedoch auch die oben zum Teil bereits genannten Gründe gegen die Anschaffung von Bronzeglocken: eingeschränkte Verfügbarkeit des Materials, horrende Preise und eine Tatsache, die J. F. Weule bereits in seinem Geschäftsbericht vom März 1918 betont: „Der Gebrauch [von Eisenglocken] hat infolge der Opferung der Bronzeglocken weiter erheblich zugenommen. Wie die angefügten Zeugnisse bekunden, erfreuen sich meine Glocken des besten Rufes und sind in Wohlklang und Klangfülle von Bronzeglocken wohl nur dann zu unterscheiden, wenn man unter dem Eindruck eines Vorurteils weiß, daß man [Eisenglocken] hört.“[6]

Ein weiteres Argument, ein modernes Eisengeläut wäre besonders passend für eine moderne Kirche, darf kritisch hinterfragt werden, gab es doch beispielsweise in Brandenburg bereits im 17. Jh. aus Eisen gefertigte Glocken – das Material erlebte in den Notzeiten Anfang des 20. Jahrhunderts allerdings mehr als eine Renaissance.

Der Liefervertrag für die drei Glocken von St. Peter und Paul ist auf den 18. Oktober 1922 datiert.[7] Der Guss dürfte nur wenige Tage darauf oder gar unmittelbar im Anschluss erfolgt sein, denn am 31. Oktober wurden die Glocken bereits in Dettingen angeliefert.[8] Womöglich war die eine oder andere Glocke auch schon als sogenannte Vorratsglocke in der Gießerei vorhanden, wollten die Dettinger für ihre Glocken doch ohnehin keinerlei Inschrift oder Zier – auch im Vertragsentwurf waren diese nie vorgesehen.

Knapp zwei Monate nach Vertragsabschluss, am 17. Dezember 1922, bat Pfr. Dümler die Firma brieflich, die Länge der Glockenjoche anzugeben. Am 21. Dezember erhält er ein Schreiben, das aus heutiger Sicht eine ganze neue Frage aufwirft. Weule schreibt in seiner Antwort: „Da wir immer noch nicht wissen, ob die Glocken je 2 und 2 übereinandergehängt oder alle 4 nebeneinandergehängt werden, ist es uns auch unmöglich die Länge der eisernen Joche anzugeben.“[9] Stellen wir die aufgeworfene Frage nach der Zahl der Glocken (drei oder vier?) vorläufig zurück – es war nun Aufgabe der Architekten, eine Entwurfszeichnung für den Glockenstuhl anzufertigen, sodass auch die entsprechenden Joche passend gefertigt werden können. Man hatte sich in der Materialfrage für den Glockenstuhl für die traditionelle Lösung, also Holz statt Eisen entschieden – hinsichtlich Akustik und Beständigkeit des Materials die bessere Wahl. Dass der querrechteckige, schmale Turmraum im Vergleich zur gewöhnlichen Glockenstube gewisse Platzprobleme mit sich brachte steht außer Zweifel. Die Aufhängung eines Vierergeläutes im Turm hätte sich nur mit kleineren Glocken realisieren lassen. Ob nun, wie in vorausgehendem Schriftverkehr erwähnt, tatsächlich die Anschaffung von vier Glocken geplant und nur nicht durchgeführt wurde, oder es sich bei der Angabe je 2 und 2 […] oder alle 4 um eine Verwechslung der Firma handelt, lässt sich hundert Jahre später nicht mehr nachvollziehen. Gewisse Details werden sich anhand der spärlichen Überlieferungen kaum rekonstruieren lassen.

Turm und Glockenstube

Entsprechend dem Grundriss des Turmes präsentiert sich auch die Glockenstube querrechteckig. Man entschied sich hinsichtlich der Unterbringung der Glocken für folgende Lösung: Die große Glocke wurde in der Mitte des Turmes in horizontaler Schwungrichtung zum Kirchenschiff montiert. Die beiden kleinen Glocken befinden sich zu den beiden Seiten des Turmes und läuten vertikal zum Kirchenschiff; sie hängen etwas höher, um der großen Glocke ausreichend Platz zum Schwingen zu bieten. Die mittlere Glocke hängt gegen Norden und die kleine gegen Süden. Schallaustrittsfenster befinden sich zu den beiden Querseiten (Norden und Süden) des Turmes und zur Westseite, eine Schallverblendung jedoch nur im Süden und im Westen, im Osten schließt das Kirchendach an.[10]

Ursprünglich war auch der Einbau eine Turmuhr beabsichtigt. Dominikus Böhm hatte zwei Ziffernblätter in Höhe der Glockenstube vorgesehen, die Bohrungen für das Gestänge der Zeiger wurden bereits gesetzt.[11] Bis heute kam es nicht zur Ausführung dieser Planungen, auch wenn mit der Fertigstellung des Kirchengebäudes 1923 offenbar noch nicht alles so vollendet war, wie man es sich gewünscht hätte. So wurde 1938 der Umbau des Turmes projektiert, da sich der Schall der Glocken nicht ausreichend über das ganze Dorf verbreitete, wohl weil die Glockenstube bzw. der Turm im Allgemeinen zu niedrig sei.[12] Ob die Ziegelverblendung der Schallluke an der Dorfseite, also im Norden (=Südosten) des Turmes, aus Gründen der besseren Klangabstrahlung in diese Richtung unterblieb, muss offen bleiben. Intonatorische Veränderungen am Geläute ergaben sich in den 1980er Jahren.[13] An den Klöppeln der beiden großen Glocken hatte man Bronzepuffer angebracht, um das Material zu schonen und ein weicheres Klangbild zu erzielen. Zudem wurde der Klöppel der kleinsten Glocke getauscht.

Aufzeichnungen des Geläutes

Anlässlich des 75. Kirchweihjubiläums hatte der Bayerischen Rundfunk das Geläute 1998 erstmals für seine Sendung „Zwölfuhrläuten“ aufgezeichnet. In Ergänzung dazu erschien im Mai 2024 als Nachtrag zum 100-jährigen Weihejubiläum eine Videoaufzeichnung des Geläutes auf YouTube.

Technische und musikalische Daten der Glocken

1 2 3
Material Eisenhartguss
Gießer Gebr. Ulrich & Weule
Gußort Bockenem am Harz
Gußjahr 1922
Durchmesser 1653 mm 1351 mm 1206 mm
Gewicht 1950 kg 1100 kg 750 kg
Schlagringstärke 121 mm 960 mm 82 mm
Schräge Höhe 1295 mm 1070 mm 918 mm
Höhe gesamt 1315 mm 1094 mm 960 mm
Schlagton dis‘-0,5 fis‘+0,5 gis‘+1,5
Unterton dis°-3 fis°-3 gis°-6
Prime dis‘+5,5 fis‘-3 gis‘+7
Terz fis‘+4 a‘+1 h‘‘+2,5
Quinte ais‘+0,5 cis‘‘‘-3,5 dis‘‘+1
Oberoktave dis‘‘-0,5 fis‘‘+0,5 gis‘‘+1,5
Duodezime ais‘‘-1,5 cis‘‘‘+1,5 dis‘‘‘+2
Aufnahme: Ben Schröder, 24.08.2023. Bezugston: a¹=435 Hz, Abweichungen in 32tel Halbton.

Anmerkungen

1 Vgl. Upton, George: The Standard Oratorios: Their Stories, Their Music, and Their Composers. McClurg & Co. Chicago, 1893. S. 155–158: Te Deum for the victory of Dettingen.

2  Weule bewirbt die Glocken zu Beginn seiner Tätigkeit noch als (Klang)stahl; bei den Glocken in Dettingen handelt es sich jedoch eindeutig um Eisenhartgussglocken. Vermutlich ließ sich der Begriff Klangstahl besser verkaufen, war man bis zum 1. Weltkrieg doch Instrumente aus herkömmlicher Glockenbronze gewohnt.

3 Glockenakt Pfarrarchiv Dettingen.

4 Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Abt. IV: Kriegsarchiv. MKr 13 131: Glockenverzeichnis Bezirksamt Alzenau.

5 Glockenakt Pfarrarchiv Dettingen.

6 Stahl-Glocken von J. F. Weule, Bockenem am Harz. Werbeprospekt, 1918. Pfarrarchiv Wiesenbronn.

7 Glockenakt Pfarrarchiv Dettingen.

8 Vgl. https://www.main-echo.de/region/stadt-kreis-aschaffenburg/das-ganze-dorf-war-auf-den-beinen-art-7601543, abgerufen am 20.05.2024.

9 Glockenakt Pfarrarchiv Dettingen.

10 Die Angaben zu Himmelsrichtungen sind relativ zur üblichen Ostung von Kirchengebäuden zu verstehen. Tatsächlich ist die Dettinger Kirche – dem Straßenraster folgend – nach Südwesten ausgerichtet.

11 Näheres dazu: https://dettinger-passion.de/turmuhr/ abgerufen am 21.05.24.

12 Zu den Umbauplänen von 1938 vgl. https://dettinger-passion.de/patronale/ abgerufen am 21.05.24.

13 Freundl. Mitteilung durch Kirchenpfleger Erich Trageser


Originalbeitrag von Ben Schröder
https://glockenzeit-info.webnode.page/